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«Mit dem ÖV leistet insbesondere die Bahn-branche einen wichtigen Beitrag zum Klima-schutz»

Mobilität Peter Spuhler hat den Schweizer Schienenfahrzeughersteller Stadler zu einem der erfolgreichsten Schweizer Unternehmen gemacht. Seit diesem Jahr hat er die operative Führung abgegeben und fokussiert sich nun auf die strategischen Aufgaben von Stadler. Mit «Fokus nachhaltig heute & morgen» spricht er über sein heutiges Leben und wie sich Nach-haltigkeit und Wirtschaftlichkeit beeinflussen.

Ishan Ilangakoon

Peter Spuhler, Sie sind seit 1987 bei Stadler tätig. Anfangs dieses Jahres haben Sie die operative Leitung abgegeben, bleiben jedoch weiterhin Eigentümer und belegen das Amt des VR-Präsidenten. Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Nach 30 Jahren in der Doppelfunktion des Verwaltungsratspräsidenten und des Group CEO habe ich per 1. Januar 2018 die operative Verantwortung an meinen langjährigen Stellvertreter Thomas Ahlburg übertragen. Das ermöglicht es mir, mich vermehrt auf die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens zu konzentrieren. Ich fokussiere mich auf die strategische Produktentwicklung, die Gründung und den Aufbau von Joint Ventures mit lokalem Wertschöpfungsanteil und ich trage die Verantwortung für sämtliche «Merger- and Acquisitions»-Projekte. Zudem kann ich mich dank der neuen Aufgabenteilung wieder verstärkt der Kundenpflege widmen.

Finden Sie bei einer so vollbepackten Agenda überhaupt Zeit, sich zu erholen?

Wirklich mehr Zeit habe ich durch die Konzentration auf das Verwaltungsratspräsidium nicht gewonnen. Die Lücken in der Agenda waren sehr schnell mit Kundenterminen und strategischen Sitzungen gefüllt. Aber das ist ja auch gut so. Ich habe zum Glück die Gabe, mich in kurzer Zeit sehr gut erholen zu können.

Sie sind ein erfolgreicher Unternehmer. Und dies seit Jahren. Wie erklären Sie sich Ihren nachhaltigen Erfolg?

Das ist nicht mein Erfolg, das ist der Erfolg des Stadler-Teams. Wir sind erfolgreich, weil unsere Vertriebsmannschaft sehr nahe bei den Kunden ist, weil die besten Ingenieure bei uns arbeiten und weil unsere Produktion für beste Qualität steht. Wir sind schnell und flexibel, liefern pünktlich und können aufgrund unserer mittleren Grösse sehr gut auf Kundenwünsche eingehen. Unser langjähriges Führungskader steht für Kontinuität. Das gibt der Firma Stabilität.

Wir leben in einer Zeit, in der das Thema Klimaschutz ein täglicher Begleiter ist. Sehen Sie auch in der Schweizer Wirtschaft einen Trend hin zur Nachhaltigkeit?

Das Thema Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Faktor in den Schweizer Unternehmen. Mit dem ÖV leistet insbesondere die Bahnbranche einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Auf den nicht elektrifizierten Strecken ausserhalb der Schweiz wird vermehrt auf Diesel verzichtet und die Entwicklung neuer Antriebsformen wie Akku oder Brennstoffzellen läuft auf Hochtouren.

Wenn ich einen Termin in Bern habe, reise ist beispielsweise immer mit dem Zug. Das ist die beste Chance, pünktlich anzukommen.

Die Schweiz ist Recycling-Weltmeister. Was recyceln Sie in Ihrem privaten Alltag?

Wie alle Schweizer: Glas, Alu, Pet, Altpapier, Batterien, Grünabfall, Textilien, Elektrogeräte.

Stadler stellt Züge für über 40 Länder her. Benutzen Sie den Zug auch privat als Transportmittel oder sind Sie eher der Autofahrer?

Ich fahre sehr gerne mit dem Zug – vor allem mit Stadler-Zügen. Wenn ich einen Termin in Bern habe, reise ist beispielsweise immer mit dem Zug. Das ist die beste Chance, pünktlich anzukommen.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind umweltfreundlicher als andere Transportmittel. Jedoch argumentieren Gegner unter anderem mit der Umweltbelastung bei der Herstellung der Züge. Was macht Stadler so energieeffizient?

Unsere Züge sind auf eine Lebensdauer von mindestens 30 Jahren ausgelegt. Je nach Einsatzgebiet leisten die Fahrzeuge bis zu 500’000 Kilometer pro Jahr (Rekordhalter ist die WESTbahn), womit sie über ihre Gesamtlebensdauer bis zu 15 Millionen Kilometer bewältigen. Zudem ist der ökologische Fussabdruck für die Herstellung von Autos für dieselbe Anzahl Reisende um ein Vielfaches höher, was dem Bahnverkehr generell ein gutes Zeugnis ausstellt. Stadler investiert seinerseits schon seit mehreren Jahren grosse Summen in die Optimierung der Produktionsstandorte. Dies beinhaltet direkte Investitionen in Energiesparmassnahmen und in Prozessoptimierungen. Im Werk in Bussnang werden zum Beispiel bis Ende 2018 alle grossen Produktionshallen mit LED-Beleuchtung ausgestattet. Durch die Automatisierung einzelner Produktionsschritte wird die Energie ebenfalls optimal eingesetzt. Ebenso werden kontinuierlich neue Technologien in die Fahrzeugkonzepte integriert, um die Fahrzeuge effizienter zu machen. So werden beispielsweise bei FLIRT-Zügen für die SBB seit kurzem Trockentransformatoren eingesetzt, die Energieeinsparungen von durchschnittlich rund acht Prozent ermöglichen. Auch mit dem bi-modalen Zug WINK hat Stadler einen Meilenstein mit alternativen Antriebssystemen geschaffen. So kann diese Produktelinie wahlweise mit Batterieantrieb, hydriertem Pflanzenöl (HVO) oder energieeffizienten Dieselmotoren ausgerüstet werden. Auch Hybridlösungen sind mit diesem Konzept einfach realisierbar.

Ihr Unternehmen garantiert zudem tiefe «Life-Cycle-Costs» und steht somit für Qualität und «Swissness». War Nachhaltigkeit schon immer ein wichtiger Pfeiler Ihres Unternehmens?

Ja, sicher.

Wie lassen sich Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit kombinieren?

Ich kann Ihnen ein Beispiel aus meinem Privathaushalt nennen: Vor einigen Jahren haben wir unser Bauernhaus isoliert und eine sehr energiefreundliche Wärmepumpe eingebaut. Die Investition zu Beginn ist zwar relativ hoch, doch die «Life-Cycle-Costs» sind dafür sehr tief.

Wie bereits erwähnt produziert Stadler Züge für über 40 Länder. Wie gelangen die hergestellten Züge an die finale Destination?

Das ist sehr unterschiedlich. Meistens aber auf der Schiene. Zum Teil auf der Strasse oder auf dem Wasser.

Spürt Ihr Unternehmen den Druck von anderen Transportunternehmen wie Flixbus?

Als Hersteller von Schienenfahrzeugen stehen wir nicht in direkter Konkurrenz zu Transport-unternehmen wie Flixbus. Ich glaube nicht einmal, dass unsere Kunden, die Bahnbetreiber, diesen Druck gross spüren, weil sie nicht die gleiche Nachfrage abdecken wie ein Busunternehmen, das nur ganz bestimmte Strecken zu bestimmten Zeiten bedient. Was wir aber spüren, ist, dass die Bushersteller viel weniger Sicherheitsauflagen erfüllen müssen. Das wäre vielleicht zu überdenken.

Mittelfristig ist es sicher das Ziel, auch in Asien Fuss zu fassen.

2014 hat die SBB bei Stadler 29 Mehrsystem-Triebzüge bestellt. Diese sollen ab 2019 den Betrieb aufnehmen. Auf was können sich Schweizer Zugfans freuen?

Der Giruno ist ein Hochgeschwindigkeitszug, der mit bis zu 250 km/h Zürich durch den Gotthard- Basistunnel mit Mailand verbinden wird. Er ist mit besonderem Fokus auf Komfort und Kundenfreundlichkeit entwickelt worden. Insbesondere Familien, Senioren und Personen mit eingeschränkter Mobilität werden auf der Strecke durch den Gotthard-Baistunnel bequem und angenehm reisen. Der Niederflureinstieg macht das Einsteigen zum Eintreten und ist für einen serienmässigen Hochgeschwindigkeitstriebzug ein Novum. Das grosszügige und helle Interieur besticht mit einem modernen Beleuchtungskonzept. Ausserdem verfügt der Giruno über 4G-/3G-Mobilfunkverstärker, Steckdosen an allen Sitzplätzen, grosse Gepäckablagen, Multifunktionsabteile, ein Fahrradabteil und geschlechtergetrennte sowie behindertengerechte Toiletten. Die Züge bieten auf 202 Metern Länge über 400 Fahrgästen Sitzplätze. Der Giruno lässt sich auch in Doppeltraktion führen, was die Fahrgastkapazität entsprechend verdoppelt.

Es ist augenscheinlich, dass die neuen Züge für das Personal und handicapierte Passagiere immer ergonomischer und nutzerfreundlicher werden. Sehen Sie hier auch eine nachhaltige Entwicklung?

Ja, die Branche ist agil und versucht sehr stark auf die Bedürfnisse der verschiedenen Bahnnutzer einzugehen.

Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in zehn Jahren?

Ich hoffe, dass wir dann immer noch für unsere Kunden die besten Züge bauen. Ausserdem hoffe ich, dass wir durch Technologieführerschaft die weltweit bald 8000 Arbeitsplätze nachhaltig sichern können. Geografisch müssen wir noch eine bessere Balance finden. Mittelfristig ist es sicher das Ziel, auch in Asien Fuss zu fassen.

Welches sind für Sie wichtige Trends in Ihrer Branche bezüglich Nachhaltigkeit? Was wird sich in der Schweiz und speziell auf den Schweizer Schienen in Zukunft ändern?

Die Branche beschäftigt sich intensiv mit neuen, energieeffizienten Antriebstechnologien. Auf den Einsatz von Diesel auf den nicht-elektrifizierten Strecken soll künftig immer mehr verzichtet werden. Eine wichtige Neuerung ist auch die Einführung des Zugsicherungssystems ETCS Level II (European Train Control System). Die Technologie trägt zu einem energieoptimierten Betrieb bei und macht eine Erhöhung der Kapazität auf der Schiene möglich.