Solardach

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Erneuerbare Energie muss weiterhin gefördert werden

Energie Vor einem knappen Jahr hat das Schweizer Stimmvolk die «Energiestrategie 2050» angenommen. Einer der Schwerpunkte des neuen Gesetzes ist die Förderung der erneuerbaren Energien, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern und den Atomausstieg zu ermöglichen. Was hat sich seither getan bei Sonne, Holz, Wind und Wasser?

Remo Bürgi

Stolze 62 Prozent sind es: Die erneuerbaren Energien tragen heute rund zwei Drittel zum Schweizer Strommix bei. Das zeigen die kürzlich publizierten Zahlen des Bundesamts für Energie (BFE), welche sich auf das Jahr 2016 beziehen. Den mit Abstand grössten Beitrag dazu liefert allerdings die «traditionelle» Wasserkraft, während die «neuen» erneuerbaren Energien wie etwa Sonne, Holz und Wind nur sechs Prozent des gesamten Stromverbrauchs ausmachen. Offensichtlich hat die nachhaltige Energiegewinnung noch viel Luft nach oben.

Effizientere Gebäude

Das bestätigt Laura Antonini, die stellvertretende Leiterin für die erneuerbaren Energien beim BFE. «In den Bereichen Mobilität und Heizen sind wir heute noch stark von fossilen Brennstoffen abhängig. Das Ziel ist ganz klar, die Treibstoffe und das Heizöl durch erneuerbare Energieträger zu ersetzen.» Erreichen wolle man das beispielsweise mit einer Erhöhung der CO2-Abgaben sowie verschärften Gebäudevorschriften in Bezug auf Wärmedämmung und Energieverbrauch. Durch diese Anreize sollen beispielsweise Ölheizungen und Fahrzeuge mit hohem Treibstoffbedarf unattraktiv werden.

Die Wasserkraft wird längerfristig ein zentraler Bestandteil des Schweizer Strommixes sein.

Attraktiv bleiben soll dagegen die wichtigste einheimische Energiequelle der Schweiz: die Wasserkraft. Mehr als die Hälfte des inländischen Stromkonsums wird durch Elektrizität gedeckt, die aus Wasserkraftwerken stammt. Diese liefern sowohl Regel- wie auch Spitzenenergie und sind vergleichsweise klimaschonend, weil sie praktisch ohne klimaschädigende Treibhausgase funktionieren. Doch bei der Wasserkraft ist derzeit nicht alles eitel Sonnenschein: Wegen der tiefen Strompreise ist die wichtigste erneuerbare Energie für die Kraftwerkbetreiber im Moment nicht rentabel. Das führt dazu, dass kaum Investitionen getätigt werden und bei einigen Energieunternehmen sogar der Ausstieg aus der Wasserkraft in Erwägung gezogen wurde.

Energiegesetz bringt Unterstützung

Trotz der aktuellen Probleme wird die Wasserkraft auch längerfristig ein zentraler Bestandteil des Schweizer Strommixes sein. «Sie bleibt die wichtigste erneuerbare Ressource», ist Expertin Antonini überzeugt. «Deshalb beinhaltet das neue Energiegesetz Förderinstrumente, welche Investitionsanreize setzen sollen.» Dazu gehören etwa Beiträge für den Neubau oder die Modernisierung bestehender Anlagen. Zusätzlich unterstützt eine sogenannte «Marktprämie» Kraftwerke, welche derzeit nicht rentabel betrieben werden können.

Auf der Sonnenseite des (Energie-)Lebens befindet sich dagegen seit einigen Jahren die Solartechnik. Nicht zuletzt dank finanzieller Anreize des Staates zieren immer mehr Panels die Schweizer Dächer und wandeln Sonnenstrahlen in Elektrizität (Photovoltaik) oder thermische Energie (Wärme zur Wasseraufheizung) um. Trotz dieses Booms trägt die Sonnenenergie allerdings noch verhältnismässig wenig zur Stromproduktion bei: Der Anteil an den erneuerbaren Energien liegt nach wie vor bei gerade mal drei Prozent. Viel Wind um nichts also? Mitnichten, widerspricht Laura Antonini: «Die Entwicklung geht schnell voran, vor zehn Jahren betrug der Anteil quasi Null. Das Potenzial ist sehr gross, im Jahr 2050 könnten schätzungsweise 15 bis 20 Prozent der nachhaltigen Stromproduktion aus dem Solarbereich stammen.»

Die Technologie ist gemäss Antonini grundsätzlich ausgereift und auch die Kosten sanken in den letzten fünf Jahren um rund 80 Prozent. Nun müssen noch mehr Anlagen gebaut werden, und zwar idealerweise dort, wo die Elektrizität tatsächlich benötigt wird. In Zukunft sollen möglichst alle Gebäude mit Solarpanels ausgerüstet werden und so – nicht zuletzt dank des geringeren Verbrauchs – im Hinblick auf den Energiebedarf möglichst autark sein. Zusätzliche Elektrizitätszufuhr wird wohl allerdings gerade bei Industriebauten notwendig bleiben, weshalb neben Wasser und Sonne weitere Naturkräfte noch stärker genutzt werden sollen.

Prognosen gehen davon aus, dass Strom aus Windkraftanlagen bis 2050 einen Anteil von sieben Prozent am Gesamtverbrauch erreichen könnte.

Abwägungen nötig

«Prognosen gehen davon aus, dass Strom aus Windkraftanlagen bis 2050 einen Anteil von sieben Prozent am Gesamtverbrauch erreichen könnte. Das wären ungefähr vier Terawattstunden jährlich von etwa 600 Produktionskomplexen», konkretisiert die Spezialistin vom Bundesamt für Energie. Tendenziell versuche man, eher grosse Windparks zu realisieren, damit weniger Standorte nötig seien. Das Bewilligungsverfahren ist allerdings oft langwierig, weil grosse Windräder wegen des Rotorenlärms und der Auswirkungen auf das Landschaftsbild umstritten sind. Im Schnitt dauert es heute zehn Jahre, bis ein Projekt (wenn überhaupt) realisiert werden kann – ein veritabler Kampf gegen Windmühlen.

Das neue Energiegesetz soll hier ebenfalls Verbesserungen bringen: Es enthält einen Passus, der eine Gleichstellung von Landschaftsschutz und Energiegewinnung vorsieht, sofern letztere den Status «nationales Interesse» erfüllt. Ein Windkraftprojekt beispielsweise hat dafür ein Produktionsvolumen von mindestens 20 Gigawattstunden pro Jahr aufzuweisen. Behörden oder Gerichte müssen beim Bewilligungsverfahren in Zukunft also eine Interessenabwägung vornehmen, falls die geplante Anlage gross genug ist.

Holzenergie mit vielen Vorteilen

Gross sind auf jeden Fall die Schweizer Wälder: Sie bedecken knapp einen Drittel der Fläche unseres Landes. Dieser Wald bringt eine weitere erneuerbare Ressource hervor: Holz. Viel Holz – das aber nicht nur für schöne Chalets und dekorative Dachstühle verwendet wird, sondern zudem als Energieträger dient. In Form von Briketts, Schnitzeln oder Stückholz eignet sich der Rohstoff optimal für Feuerungen, die gleichzeitig Strom und Heizwärme generieren. Der Wirkungsgrad ist demzufolge hoch, die Schadstoff-Emission tief. Nicht zuletzt, weil Holz fast überall in der Schweiz geschlagen werden kann und dadurch nur kurze Transportwege anfallen.

Energiegewinnung aus Schweizer Holz schont die Umwelt, fördert die Verjüngung von Waldbeständen und schafft Arbeitsplätze, gerade auch in ländlichen Gebieten. Der Bund unterstützt vor allem automatische Feuerungen in grösseren Anlagen, die ein Fernwärmenetz bedienen. «Es wäre ausreichend Holz vorhanden, um noch deutlich mehr Anlagen zu betreiben, denn insgesamt nimmt der Waldbestand in der Schweiz zu», bekräftigt Laura Antonini. Für die nachhaltige Ressource Holz gilt also wie für alle erneuerbaren Energien: Die Bäume wachsen hoch, aber (noch) nicht in den Himmel.