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Interview mit Mathias Binswanger

Mathias Binswanger: Wie nachhaltig kann der Finanzmarkt sein?

Mathias Binswanger beschäftigt sich mit Themen, die an sich unvereinbar erscheinen: Nachhaltigkeit und Wirtschaft. Der Professor für Volkswirtschaft und mehrfache Buchautor sprach mit uns über Geld, nachhaltige Märkte – und darüber, wie Theorie und Praxis manchmal auseinanderklaffen.

Miriam Dibsdale

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Mathias Binswanger, mögen Sie das Wort «Nachhaltigkeit» eigentlich noch hören?

Ehrlich gesagt: nein. Der Begriff «Nachhaltigkeit» ist längst zu einer leeren Worthülse verkommen, den mittlerweile jeder für sich in Anspruch nimmt. Doch was heisst nachhaltiges Wirtschaften tatsächlich? Weniger CO2-Vebrauch? Die Einführung eines Nachhaltigkeitslabels? Oder der Umstieg auf Elektroautos? Gerade wegen seiner Beliebigkeit ist der Begriff «Nachhaltigkeit» aber sehr populär, weil jeder ihn so definieren kann, wie es ihm gerade passt.

Wie sieht denn Ihre persönliche Definition von Nachhaltigkeit aus?

Mich beschäftigt vor allem das Thema, welche Dynamik unsere Wirtschaft antreibt und was eigentlich das Ziel unserer ganzen wirtschaftlichen Tätigkeit darstellt. Dazu
muss der scheinbare Zusammenhang zwischen subjektivem Wohlbefinden und Wachstum kritisch hinterfragt werden. In einem meiner Bücher habe ich dies als die «Tretmühlen des Glücks» beschrieben. Diese Tretmühlen sorgen dafür, dass die Menschen in entwickelten Ländern wie der Schweiz im Durchschnitt trotz weiterem Wirtschaftswachstum mit mehr Einkommen nicht mehr zufriedener werden. Auf der anderen Seite leben wir aber in einer Wirtschaft, die ohne Wachstum nicht funktioniert. Nachhaltig bedeutet für mich deshalb unter anderem auch folgendes: nicht mehr so viel Wachstum wie möglich, sondern so viel Wachstum wie nötig.

Über Mathias Binswanger

Mathias Binswanger wurde 1962 in St. Gallen geboren. Er lehrt als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten sowie als Privatdozent an der Universität St. Gallen. Binswanger ist ein vielzitierter Wirtschaftsexperte, der regelmässig in Fach- und Publikumsmedien präsent ist. Die «NZZ» listete ihn 2014 gar als einen der 10 einflussreichsten Ökonomen der Schweiz. Binswanger hat verschiedene Sachbücher verfasst, das aktuelle heisst «Geld aus dem Nichts».

Sie sind Professor für Volkswirtschaft und auch Experte für Umweltökonomie. Worum geht es dabei?

Traditionell beschäftigte sich die Umweltökonomie vor allem mit der sogenannten Internalisierung externer Effekte. Umweltschädigungen zulasten der Allgemeinheit sollen durch Massnahmen reduziert werden. Eine Möglichkeit dazu besteht – als Beispiel – in der Schaffung und Vergabe von Zertifikaten. Das hat gerade im Fall der CO2-Zertifikate aber nicht wirklich funktioniert. Was als gute Idee seinen Anfang nahm, endete in diesem konkreten Fall in einer Alibi-Übung, da die Emissionsrechte viel zu grosszügig zugeteilt wurden.

Das ist aber nur ein Beispiel und natürlich geht es bei der Umweltökonomie um viele weitere, konkrete Fragestellungen und letztlich um das grosse Thema, wie weit wir das Wachstum von umweltschädigenden Auswirkungen entkoppeln können.

Woran arbeiten Sie derzeit konkret?

Ich habe gerade ein Buch geschrieben, welches sich mit der Rolle der Banken und des Geldes in der modernen Wirtschaft beschäftigt. Letztlich müssen Unternehmen in einer heutigen Wirtschaft Gewinne machen und das klappt für eine Mehrheit der Unternehmen nur dann, wenn die Wirtschaft auch wächst. Daraus ergibt
sich dann beispielsweise die Frage ab, ob so etwas wie Suffizienz in einer solchen Wirtschaft überhaupt möglich ist.

Nachhaltig bedeutet für mich deshalb unter anderem auch folgendes: nicht mehr so viel Wachstum wie möglich, sondern so viel Wachstum wie nötig.

Wenn Sie sich die Wirtschaft heute als Gesamtsystem anschauen, was fällt Ihnen auf?

Die Realwirtschaft bietet heute nicht mehr genügend profitable Investitionsmöglichkeiten relativ zum vorhandenen Geld. So stellen wir etwa fest, dass ein immer kleinerer Anteil der gesamten Bankkredite an Unternehmen für Investitionen in Realkapital vergeben werden. Viel häufiger werden sie mittlerweile in Form von Hypotheken für den Immobilienkauf vergeben. Die Folge sind dann Preissteigerungen auf dem Immobilienmarkt, die Investitionen dort kurzfristig sehr profitabel machen.

Lässt sich dies ändern?

Das System wurde vom Menschen geschaffen, demzufolge können wir es auch wieder ändern, wenn wir wollen. Da spielen etwa die Anreize die den verantwortlichen Managern konkret gesetzt werden, eine Rolle. Wenn wir uns die jüngere Vergangenheit anschauen, sehen wir, dass Manager in den USA bis zum Börsencrash 1929 bei den Banken sehr viel mehr verdient haben als im Rest der Wirtschaft. Danach normalisierte sich die Lage bis in die 80er Jahre, und Bankmanager verdienten etwa gleich viel wie Manager in anderen Branchen. Doch seither haben die Zahlungen an Bankmanager wieder abgehoben, und es lohnte sich für kurzfristige Gewinne, hohe Risiken einzugehen. Wie das Wirtschafts- und Finanzsystem funktioniert, hängt also auch davon ab, welche Anreize wir setzen –und wie nachhaltig diese sind.

Sie haben sich der Rolle der Banken in Ihrem neusten Buch «Geld aus dem Nichts» angenommen. Worum geht es dabei und was veranlasste Sie dazu, das Buch zu verfassen?

Meine Grundidee war es, den Vorgang der Geldschöpfung durch die Banken abzubilden. Und zwar korrekt, was bei vielen Lehrbüchern nicht der Fall ist. In den meisten Werken wird noch immer die Idee vertreten, dass Menschen bei den Banken Geld deponieren und diese Anlagen dann in Form von Krediten an Dritte vergeben werden. Die Wahrheit ist aber anders. Banken können nämlich – wie es der Titel des Buches schon sagt – Geld aus dem Nichts schaffen, indem sie Kredite vergeben, ohne dass vorher jemand entsprechend Ersparnisse bei der Bank deponiert hat. Sie kreieren also neues Geld. Dadurch wird Wachstum ermöglicht, indem ständig mehr Geld investiert werden kann. Da die Kredite aber – wie bereits angetönt – oft für den Kauf von Vermögenswerten genutzt werden, führt dies neben einem Wachstum in der Realwirtschaft vor allem auch zu spekulativen Blasen an der Börse oder auf dem Immobilienmarkt. Und im Worst Case dann zu einer Finanzkrise.